Hundertwasser zu St. Jakobi Stralsund

Vom Recht auf Träume

Vom Recht auf Träume

Märkische Oderzeitung vom 11.08.2009

Stralsund (MOZ) Die kleinste der drei großen Stralsunder Kirchen schmückt seit diesem Sommer ein neues wertvolles Innenleben: die größte Privatsammlung des österreichischen Künstlers Friedensreich Hundertwasser (1928 - 2000) außerhalb von Wien. Rund 200 Objekte werden zehn Jahre lang jeweils von Mai bis Oktober zwischen Altar und Kanzel gezeigt.
Unter weißen Segeln kommen die farbenfreudigen Grafiken und Fotos gut zur Geltung. Architekturentwürfe findet man nur wenige, dafür viele kleine, sehr persönliche Dinge.Doch warum Hundertwasser in Stralsund? "Zunächst hat mich das auch verwundert, denn die Wiener Sammler sind mit der Idee an uns herangetreten", sagt Dr. Gerd Franz Triebenecker, Kulturmanager der St. Jakobi Kirche. Heute, nachdem er sich mehr mit dem Künstler und Architekten beschäftigt hätte, könne er sich keinen passenderen Ort vorstellen. "Hundertwasser besaß eine große Affinität zum Wasser und zum Weltkulturerbe, und die Hansestadt kann mit Ostsee und Backsteingotik beides bieten."
Darüber hinaus sei der Österreicher vor allem ein Mann gewesen, der sich sozial engagierte, eine Philosophie der Menschlichkeit lebte und verbreitete. In der Stralsunder Kulturkirche, die seit 1996 vom Diakonischen Werk betrieben wird, wolle man nichts anderes. Der 47-Jährige betont: "Bei uns gibt es viele Kultur- und Bildungsangebote für benachteiligte Menschen und sogar ein festes Ensemble von Geistig-Behinderten, das Theater spielt."
Auf einer Tafel in der Kirche kann der Besucher lesen: "Die Kinder, die sogenannten Primitiven und die sogenannten Abnormalen haben ein viel größeres schöpferisches Wissen, bis sie durch Erziehung, Uniformierung und Konventionen ihre Seele verlieren." Hundertwasser hat sich gedanklich intensiv mit dem Schöpfertum des Menschen befasst. Für ihn war Kreativität die Eigenschaft, die den Menschen erst zum Menschen macht. "Wenn der Mensch nicht schöpferisch tätig ist oder daran gehindert wird, hört er auf, menschliche Funktionen auszuüben und er verliert die Berechtigung, als höheres Wesen auf dieser Erde anwesend zu sein." Viele solcher philospohischen Gedanken werden in der Schau präsentiert.
Uniformität war Hundertwasser ein Graus. Ihm ging es um freie Kleidung, nicht um Fremdkörper oder Uniformen, von leblosen Maschinen hergestellt. Darüber hinaus forderte er Toleranz ein. Wer etwas trage, das ihm aufgezwungen werde, würde krank, bemerkte der Künstler. Er selbst zog sich bekanntlich gern fantasievoll an, schneidert sich seine Hosen und Hemden aus verschiedenen Stoffteilen. Er soll auch stets unterschiedliche Socken getragen haben.
Das Werk "Das Recht auf Träume" (1987) zeigt Menschen mit leeren Gesichtern, aber gestreiften Hüten auf buntkarierten Wiesen voller farbenfroher Blumen. Träume seien die letzte Zuflucht des Menschen, die lezten Königreiche, die ihm ganz gehörten. Dem Menschen die Träume zu nehmen, das sei so, als wenn man ihm die Wurzeln und zugleich die Zukunft stehle. Nichts bleibe, wonach er sich sehnen kann. "Wenn Träume ständig vernichtet werden, so wie dies in unserer rationalistischen Gesellschaft geschieht, so ist dies ein Verbrechen, denn Träume sind die Vorbereitung menschlichen Schöpfertums."
Friedensreich Hundertwasser, das wird in der Stralsunder Ausstellung deutlich, hat seinen Ruhm dazu benutzt, etwas in der Gesellschaft zu bewegen. Dafür finden sich zahlreiche Belege: das Plakat für die Caritas "Jeder Mensch braucht ein Zuhause" (1997) oder die Offset-Litographien, die als Bausteine für das Martin-Luther-Gymnasium Wittenberg (1996) oder für die Regenwaldschule in Santa Cruz (2000) verkauft wurden. Freiheit ohne Glücklichsein ist keine Freiheit, meinte der vielseitige Künstler einmal. Hundertwasser machte mit seinem Werk glücklich und schenkte Träume.